Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen bricht in Berlin kritische Infrastruktur zusammen. Dieses Mal war es kein linksextremistischer Anschlag auf das Stromnetz, sondern normales Winterwetter, das große Teile des öffentlichen Nahverkehrs in der Nacht zum Montag zum Erliegen brachte; einige Teile der Stadt waren zeitweise gänzlich vom ÖPNV abgeschnitten. Der Straßenbahnverkehr wurde komplett eingestellt. In den sozialen Netzwerken gab es dafür viel Spott und Häme. „Absolut lächerlich. Es ist Winter, nicht mehr“, schrieb beispielsweise ein User und schlug vor (verlinkt auf https://x.com/Zappa4ever/status/2015795878011838829) , den Betrieb vielleicht bis Ende Februar gänzlich einzustellen. Schließlich habe es schon früher Minustemperaturen gegeben. Ein anderer fragte (verlinkt auf https://x.com/MoLindt/status/2016094759954133410) : „Das ist unmöglich! Wieso seid ihr nicht auf den Winter vorbereitet?“ Tatsächlich hat WELT diese Frage auch selbst der BVG gestellt, eine Antwort blieb bislang aus. Mittlerweile fahren die ersten Bahnen zwar wieder, doch die Ausfälle werfen ein Schlaglicht auf die unzureichende Vorbereitung Berlins auf Notfälle. Während die Wut der Fahrgäste hochkocht und man sich höchstens beim Laufen über vereiste Gehwege zur Arbeit abkühlen kann, versuchen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) zu beschwichtigen. Unter anderem verwies die BVG auf eine besondere Wetterlage, wie sie „seit Jahrzehnten nicht erlebt“ worden sei. Auslöser sei gefrierender Regen in den frühen Morgenstunden des Montags gewesen. Anders als bei trockener Kälte oder Schnee habe sich dadurch innerhalb kürzester Zeit eine massive Eisschicht auf Oberleitungen und Stromschienen gebildet. Diese hätten in aufwendiger Handarbeit entfernt werden müssen. Dabei hatte die BVG erst Anfang Dezember erklärt, man sei gut auf den Winter vorbereitet. Unter anderem gebe es bei der U-Bahn einen Spezialzug, der mit Bürsten „dafür sorgt, dass der Kontakt zwischen Stromschiene und Stromabnehmer störungsfrei funktioniert“. Der orangerote Spezialzug soll bei Schnee und Eis mit Bürsten sowie Tau- und Schmierstoffen den Kontakt zwischen Stromschiene und Stromabnehmer aufrechterhalten, heißt es auf der Homepage (verlinkt auf https://nachgefragt.bvg.de/betriebliche-wintermassnahmen/) . Besonders verärgert wiesen viele Betroffene darauf hin, dass in anderen Städten der öffentliche Nahverkehr offenbar problemlos weiter möglich war – trotz Minustemperaturen und vermeintlich historischer Wetterlage. So auch im direkt an Berlin angrenzenden Potsdam. Dort fuhren die Bahnen regulär weiter. Der Bund für Umwelt und Naturschutz hatte im „Tagesspiegel“ (verlinkt auf https://www.tagesspiegel.de/berlin/potsdam-fahrt-berlin-steht-wie-konnte-der-eisregen-die-bvg-so-aus-dem-takt-bringen-15183258.html) über die Gründe dafür spekuliert. Unter anderem führte der BUND dies auf die rund 40 Jahre alten Tatra-Straßenbahnen zurück, die in Potsdam noch eingesetzt werden. Deren Technik sei robuster als die modernen, stark elektronisch ausgestatteten Fahrzeuge in Berlin. Tatsächlich stammen diese Fahrzeuge vom Hersteller ČKD Tatra aus den 1970er-Jahren. Was Potsdam in der Eisregen-Nacht machte Die Verkehrsbetriebe Potsdam wiesen diese Spekulationen auf WELT-Nachfrage jedoch zurück. Um den Betrieb aufrechtzuerhalten, seien vielmehr während der nächtlichen Betriebspause zwei Straßenbahnen unterwegs gewesen, um die Oberleitungen freizuhalten, teilte Unternehmenssprecher Stefan Klotz mit. Dabei habe es sich nicht um Tatra-Fahrzeuge gehandelt. Das Freihalten der Leitungen durch Befahren sei in solchen Situationen eine übliche Maßnahme. Eine konkrete Erklärung für den Unterschied könne man dennoch nicht geben, zumal auch in Berlin einige Linien nachts durchgehend fahren. Allerdings verwies Klotz darauf, dass das Potsdamer Netz deutlich kleiner sei als das Berliner. Für den Berliner Fahrgastverband IGEB (verlinkt auf https://www.igeb.org/) liegen die Ausfälle vielmehr an einer mangelhaften Vorbereitung der BVG auf die Wettersituation. Sprecher Christian Linow kritisierte, „streng genommen hätte sich der Vorstand viel früher mit der Frage auseinandersetzen müssen, dass es Winter gibt und dass Oberleitungen vereisen können“. Dass andernorts der öffentliche Nahverkehr funktioniere, liege seinen Recherchen nach unter anderem am Einsatz von Glycerin. „Das ist keine Raketenwissenschaft“, sagte Linow WELT. In Städten wie Erfurt oder Halle würden die Verkehrsbetriebe ihre Fahrdrähte mit dem Frostschutzmittel behandeln (verlinkt auf https://www.facebook.com/watch/?v=616568858758052) . Glycerin verhindert Vereisung, indem es den Gefrierpunkt von Wasser senke – ähnlich wie Salz, jedoch auf andere Weise. Scharf kritisiert der Fahrgastverband zudem fehlende Ersatzverkehre. In einigen Stadtteilen seien Menschen „komplett vom ÖPNV abgeschnitten“, etwa in Karolinenhof hinter dem Berliner Ortsteil Grünau. Dabei bestünden Möglichkeiten: „Busnotverkehre gibt es – man muss sie organisieren oder einkaufen. Das hätte man vorher tun müssen.“ Auch die Kommunikation der BVG sei unzureichend gewesen. „Wenn alles zusammenbricht, muss wenigstens die Fahrgastinformation funktionieren – aber genau das tut sie nicht“, sagte Linow und verwies auf überlastete Server in der Hauptverkehrszeit. Insgesamt sieht er ein strukturelles Problem: „Das ist eine Frage der Resilienz“, die bei der BVG bislang nicht ausreichend mitgedacht werde. Seine Bilanz fällt entsprechend aus: „Es läuft – und wenn es der Fahrgast ist, der läuft.“ Bemerkenswert: Eine Prognose, bis wann der gesamte Betrieb wieder ohne Einschränkungen läuft, hat die BVG auch bis Dienstagnachmittag nicht gegeben.